Interview mit Meshel Almansour, Auszubildender bei B&O

Interview mit Meshel Almansour, Auszubildender bei B&O

Am 11.06.2019 wurde B&O Mitarbeiter Meshel Almansour nach Berlin zu einem Interview von der B&O Marketingabteilung eingeladen. Der 24-jährige stammt aus Syrien und lebt in Wetter, NRW. Bei B&O macht er eine Ausbildung im Bereich Anlagenmechanik Sanitär, Heizung und Klima. Mit uns spricht er über seine Beweggründe ins Handwerk zu gehen und was ihn an seinem Gewerk fasziniert.

Hallo Meshel. Was bedeutet für dich Handwerk?

Hallo. Handwerk ist, was man im alltäglichen Leben braucht. Nicht jeder kennt sich damit aus. Handwerk ist eine ganz große Branche, wo man viel erreichen kann. Man kann vieles ändern und gleichzeitig kann ich sagen, dass es nicht so ist wie man es sich vorstellt. Das Spektrum ist ausgesprochen größer als man denkt. Es geht nicht nur um ein paar Dübel, die man in die Wand hämmert und das war’s. Es ist wirklich Kunst. Man unterschätzt die physikalischen Gegebenheiten, auf die man achten muss, wie zum Beispiel die Auswirkungen von Druck auf einen Körper. Man lernt die Erde kennen.
Als Tischler muss man beispielsweise auf klimatische Bedingungen achten. Man muss differenzieren, dass in einem warmen Land andere Gegebenheiten vorherrschen als in einem kalten Land. Wie das ganze Wetter auf das Holz Einfluss hat. Das muss man berücksichtigen.

Seit wann weißt du, dass du Handwerker sein möchtest? Und wie ist es dazu gekommen?

Mein Schwerpunkt im Abitur lag auf Sprachen, Geschichte und Philosophie. Im Anschluss wollte ich vielleicht Englisch und Tourismus studieren. Dennoch habe ich abgewogen: Studiere ich und sitze nach dem Studium zu Hause herum und finde keine Arbeit oder lerne ich Handwerk, was ich in meinem Alltag brauche und kann danach direkt arbeiten?
Ob ich mich dann weiterbilde, ist von mir selbst abhängig. Ich kann also selbst meine Möglichkeiten bestimmen.

Wo bist du aufgewachsen?

In Syrien. Ich bin am 21.09.2015 nach Deutschland gekommen, am 23.09.2015 habe ich mich direkt beim Amt gemeldet, damit ich mich neutralisieren kann. Im April 2016 wurde mein Aufenthaltsstatus mit allen Papieren anerkannt, die man benötigt. Ich bin allein gekommen.

Du warst vor B&O in einem Betrieb. Wie bist du auf diesen aufmerksam geworden?

Ich lebe in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen, Wetter, wo ich zu Beginn untergebracht wurde (nach Anerkennung aller Papiere konnte ich selbst entscheiden wohin ich möchte). Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich mache, nachdem ich meine ganzen Sprachkurse absolviert habe. Was möchte ich in meinem Leben erreichen? Was möchte ich werden? Wie effektiv möchte ich in meinem Leben sein? Manchmal hat man zwar die Qualifikation, aber ist nicht effektiv im Leben.
In Wetter gab es mehrere Betriebe, aber der alte Betrieb wurde mir von jemanden empfohlen. Es handelte sich um einen ganz kleinen Betrieb, bestehend aus der Sekretärin, Chef, zwei Gesellen und zwei Azubis. Ich habe das Handwerk komplett kennengelernt, alles was mit Hämmern beispielsweise zutun hat. In meinem Abitur hatte ich keinen praktischen Anteil, somit war alles neu für mich. Mit Physik, Chemie und Mathe hatte ich von der neunten bis zur zwölften Klasse nichts zutun.
Ich habe gedacht, dass eine Ausbildung im Handwerk in Deutschland sehr hoch angesehen wird. Die deutsche Qualität ist weltbekannt. Dann habe ich mich gefragt, ob ich ein Teil dieser Qualität verkörpern möchte – ich mache das! Es wird eine ganz große Herausforderung sein, die deutschen sind sehr exakt, sehr detailliert und achten auf alles. Sowas gibt es nicht überall. Ich wollte die Herausforderung annehmen. Ich mache aus meinem Leben etwas effektives für das Land und für mich selbst. Wenn man in dem Land, wo man lebt was bauen kann, den Menschen helfen und sie retten kann, dann ist das was ganz tolles.

Hattest du bezüglich der Anerkennung in Deutschland mit deinem syrischen Abitur Probleme?

Das Problem dazu war, dass mein Abitur in Deutschland als Realschulabschluss anerkannt wurde, sodass ich heruntergestuft wurde. Aber für mich war das kein Problem, ich wollte erst einmal die handwerkliche Ausbildung machen und schauen, was das Leben mir alles bietet.

Wie bist du an das Gewerk gekommen? Warum nicht Tischler, zum Beispiel?

Anlagenmechaniker ist ein ganz großer Bereich. Du arbeitest mit Wasser, Klima, Wärme – all die Sachen, die das Leben der Mieter vereinfachen. Du wirst natürlich kein Experte, aber bekommst einen sehr guten Überblick. Ich weiß wie eine Therme funktioniert, woher das ganze Wasser kommt, wohin das in meiner Dusche abfließt. Das ist nur ein kleiner Überblick.
Tischler ist nicht mein Ziel, ich sehe es aber hoch an! Mein Ziel ist es die Menschheit ein bisschen mit Wasser zu versorgen, dass ihnen im Winter warm ist, dass ihnen etwas kühler wird, wenn es richtig heiß ist. Dass sich der Mensch immer wohlfühlt, wo er sich auch aufhält.

Du warst vor B&O ja in einem anderen Betrieb. War es für dich schwer zu wechseln?

Ja absolut. Ich habe in Deutschland komplett neu angefangen, man muss alles neu kennenlernen.
Ich wurde von Anfang an von einer deutschen Familie betreut. Sie haben mich aufgenommen und mir eine neue Heimat gegeben. Probleme habe ich mit ihnen durchgesprochen. Vor B&O war ich ein Jahr in einem anderen Betrieb. Dort fühlte ich mich nicht willkommen und die psychische Belastung wuchs. Meine Gastfamilie bestärkte mich in meinem Vorhaben, mir etwas neues zu suchen.
Ich habe mich an die Handwerkskammer in Dortmund gewendet. Sie zeigten mir eine App, wo es Lehrstellen gibt (Lehrstellenradar) und da habe ich meine PLZ angegeben, wo mir alle Lehrstellen angezeigt wurden.

Wie bist du zu B&O gekommen?

Am 26.09. viertel vor neun Uhr habe ich einen Anruf vom Vorstand von B&O erhalten. Ich war total überrascht über den Anruf.

Ich habe erzählt wer ich bin, warum ich den Betrieb wechseln möchte und was meine Vorstellungen sind. Prompt wurde mir angeboten bei B&O anzufangen.

Glücklicherweise habe ich bei der alten Firma einen Aufhebungsvertrag erhalten. Ich konnte es nicht glauben, dass ich so schnell eine Zusage erhalten würde. Ich konnte bereits in der darauffolgenden Woche anfangen und B&O half mir bei den ganzen Papieren bezüglich des Betriebswechsels. Der Vorstand lud mich taggleich zu einem Kennenlernen und zur Vertragsunterzeichnung zum Standort Bochum ein.
Ich fing am 04.10.2018 bei B&O an. Das Telefonat zeigte mir, dass es noch gute Menschen gibt, die an einen glauben – egal ob als Geschäftsführer oder als kleines Rädchen. Es wurde sich für mich eingesetzt.

Gibt es Unterschiede zwischen deutschen und syrischen Handwerksberufen?

In Syrien gibt es beispielsweise Tischler und Anlagenmechaniker. Aber wir haben keine Wärme, da das Land extrem heiß ist. Wir haben eher Klimatechniker. Ich kenne viele, die in Syrien als Klimatechnikbauer gearbeitet haben, auf deren Leistungen ich sehr stolz bin. Sie kommen nach Deutschland und wollen gute Qualität abliefern und nicht pfuschen. Syrische Handwerker nehmen ihren Beruf wortwörtlich wahr.
Wir haben zum Beispiel keine Dachdecker und Heizungsbauer. Dafür gibt es viele Maurer, Sanitärtechniker, Klimatechnikbauer sowie KFZ-Mechaniker. Vor allem letztere waren zeitweise sehr beliebt.

Wie sind die Kollegen im Handwerk in Deutschland?

Es gibt immer verschiedene Kollegen, aber bei B&O sind alle total nett. Es existieren unterschiedliche Typen, aber man lernt von jedem Typ Mensch etwas, selbst wenn die Begegnungen mal unschön sind. Aber das ist mir bei B&O zum Glück noch nicht passiert.
Ich bin 24 Jahre alt und die Monteure sind meist älter als ich.

Was möchtest du als Handwerker erreichen? Was wäre dein Traum, wo siehst du dich in 5-10 Jahren?

Erst einmal möchte ich die Ausbildung erfolgreich abschließen. Danach möchte ich mich definitiv weiterbilden, ich weiß nur noch nicht in welche Richtung. Ich tendiere dazu mich als Ingenieur in den Bereichen Entsorgung und Versorgungstechnik zu spezialisieren. Der Vorstand von B&O hat mir bereits angeboten diesbezüglich ein duales Studium in der Firma zu absolvieren. Dieses Studium dauert drei Jahre, im Anschluss ist man Ingenieur, was sehr anerkannt wird. Gleichzeitig ergänzt man die aktuelle Arbeit und das Team.

Hast du Handwerker in der Familie?

Nein, ich bin der Einzige.

Was macht dir bei der Arbeit am meisten Spaß?

Ich kann die Menschen unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen. Dass ich deren Leben verschönern kann, wenn sie beispielsweise neue Bäder bekommen. Es ist etwas anstrengend, wenn ich an den Notdienst denke, aber das ist ja freiwillig. Aber wenn man sich für seine Mitmenschen einsetzt, dann zieht man das durch und macht auch den Notdienst.
Ich versuche schlechtgelaunte Mieter zu beruhigen, auch wenn mal ein doofer Spruch kommt. Ich habe sonst keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Gibt es große kulturelle Unterschiede zwischen dir und deinen Kollegen und wie kommst du damit zurecht?

Die gibt es natürlich, aber ich komme sehr gut damit klar. Man ist zielorientierter. Ich darf nicht nachlassen, auch wenn ich mal müde bin. Ich muss das durchziehen, ansonsten ist es unverschämt allen gegenüber. Manche denken ich mache den Beruf nur, damit ich irgendetwas arbeite. Aber manche wissen zum Glück auch, dass es mein Ziel, meine Leidenschaft, das Handwerk, auszuüben.
In Syrien arbeitet man übrigens auch acht Stunden oder mehr täglich. Im Vergleich gibt es aber nur 20 Urlaubstage. Außerdem arbeitet man länger, da es bei uns keine zeitlichen Regelungen gibt, wann man mit bohren oder hämmern anfangen kann. Da wird auch mal um sechs Uhr morgens begonnen. Man arbeitet jeden Auftrag ab, egal um wie viel Uhr, die Mieter müssen damit klarkommen. Syrien ist außerdem eher ein Land, wo man eine kleine eigene Werkstatt hat, statt einen großen Betrieb.

Mit welchem Werkzeug arbeitest du am liebsten?

Mit einer Pumpzange. Damit kann man Muttern von Schrauben festziehen, Verbindungen lösen, etwas zu- und aufschrauben. Mit der kann man alles anpacken. Sie ist ein Alleskönner.

Hast du vorher einen anderen Beruf oder eine andere Ausbildung ausgeübt?

Seit 2013 habe ich im Libanon zwei Jahre lang gelebt und als Kellner gearbeitet. Das war hartes Brot. Da habe ich am Wochenende 40 von 48 Stunden gearbeitet. Zuvor habe ich mit 18 Jahren als kleiner Restaurantmanager in einem mittelständischen Restaurant gearbeitet. Ich habe ein Jahr lang viel Verantwortung getragen und wöchentlich 40 Stunden gearbeitet. Pro Monat hatte ich fünf Tage frei und musste auch am Wochenende im Restaurant anwesend sein.
Zwischenzeitlich bin ich mal nach Hause gefahren. Das war nur eine Zeitüberbrückung, in der Hoffnung die Lage in Syrien wird besser. Damals war die Lage schlimm, aber im Vergleich zu heute waren es paradiesische Zustände. Die Situation wird immer schlimmer, es wird teurer, die Lebensbedingungen werden schlimmer.
2015 bin ich dann nach Deutschland über das Mittelmeer geflohen.

Vielen Dank Meshel, dass du dir für uns die Zeit genommen hast.

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