Die Frau in einer Männerwelt

Stefan Lohwasser: Brigitte Dworak & der Bau

Die Frau in einer Männerwelt

Dachdeckerei. Das klingt nach Schweiß, Kletterei in großen Höhen, Muskelkraft und Ausdauer. Ein anstrengender Job, der sich nicht für jeden eignet. Ohne groß darüber nachzudenken, würden die meisten Menschen wohl zustimmen, dass es sich eher um einen typischen Männerberuf handelt – auch wenn diese Einordnung heute nicht mehr zeitgemäß erscheint. Doch dann kam Brigitte. Sie machte ihren Beruf als Dachdeckermeisterin von Anfang an mit Leidenschaft. Bei Bihler und Oberneder, damals noch im Stammhaus in Planegg, lernten wir uns kennen. Sie fing in der Kalkulation an, arbeitete als Projektleiterin und in der Prozessoptimierung für den Bereich „Dach“. Ich war das Pendant zu ihr für den Bereich „Fassade“.

v.l.n.r.: Ernst Böhm, Dieter Reiter (Oberbürgermeister von München), Brigitte Dworak, Dr. Klaus-Michael Dengler (Geschäftsführer der GEWOFAG)

Meetings liefen damals unkonventionell ab, im Plotterraum im Keller tauschten wir uns über die Arbeit aus. Die Branche boomte, die Firma wuchs. Es ging rasant aufwärts. Wir haben dann im Prinzip zusammen den Standort Nordrhein-Westfahlen aufgebaut.

Glamourös waren die Anfänge nicht. Unser erstes Büro war ein Container in Köln-Bocklemünd. Brigitte pendelte damals noch zwischen München-Freising und Köln hin und her. Anfangs haben natürlich schon einige ein bisschen schräg geguckt, ob sie denn das könne. Aber sie hat sich schnell Respekt verschafft. Sie setzte sich einfach den Bauhelm auf, zog ihre Sicherheitsschuhe an, kletterte aufs Dach und zeigte allen, was Sache ist. Geholfen hat ihr dabei sicher auch, dass sie ihre persönlichen Befindlichkeiten immer hinten anstellte, wenn es notwendig war. Auf die Frage, ob man es als Frau schwerer habe, antwortet sie immer: „Am Anfang musste ich mich schon ein wenig reinkämpfen, aber es war immer machbar.“ Im Endeffekt spielte es bei unserer Arbeit keine Rolle, ob man Mann oder Frau war, wenn man es sich zutraute und es fachlich konnte. Beides war bei Brigitte der Fall. Vieles von dem, was sie kann, brachte sie sich selbst bei. Doch sie hatte auch immer Mentoren, die sie unterstützten, wie Ernst Böhm, der schnell ihr Talent erkannte. Aufgaben, die viel mit baulicher Feinmotorik zu tun haben, lagen ihr noch ein bisschen besser als manchen unserer männlichen Kollegen – auch im großen Stil. Denn sie war es, die die Eindeckarbeiten am Olympiadach leitete und die 8.300 Scheiben milligenau einpasste. Ihre Bodenhaftung und ihr visionäres Denken halfen ihr sicherlich auch bei den neuen Aufgaben, die sich uns stellten, als wir durch ein Management- Buyout den Handwerksbetrieb in einen modernen Dienstleister umwandelten. Gab es Probleme, handelte sie immer schnell und zielorientiert und hatte trotzdem immer ein Ohr, wenn es menschlich irgendwo hakte. Heute ist die B&O Gruppe Marktführerin in der technischen Dienstleistung in der Wohnungswirtschaft. Dazu hat Brigitte maßgeblich beigetragen.

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